Salutogenese-Grundlagen

Mit der Frage, wie sich der Mensch gesund entwickeln kann, hat der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky das Konzept der Salutogenese begründet. Er lenkte damit den Blick von den Risikofaktoren und Defiziten – der traditionellen pathogenen Sicht – auf die  Gesundheitsfaktoren und Stärken von Menschen. Gemäß seinem Verständnis der relativ jungen Salutogenese, der er vorausgesagt hatte, dass sie „eine lange Geschichte vor sich hat“ – also noch gestaltungsfähig ist – wird sie stetig weiterentwickelt, u.a. am Zentrum für Salutogenese. Sie gewinnt immer mehr an Bedeutung und bildet sich gegenwärtig als eigenständige Wissenschaft heraus.

Der wichtigste Gesundheitsfaktor ist unser Gefühl für Kohärenz, innere und äußere Stimmigkeit. Sie stellt ein Zielbild dar, dem wir uns am besten durch Kommunikation annähern können. Eine salutogene Gestaltung der Kommunikation kann unsere stimmige Selbstregulation und damit unsere Autonomie anregen. Wenn wir unsere bedeutsamen Bedürfnisse, Wünsche und Ziele wahrnehmen, artikulieren und dafür eintreten, motivieren uns diese in die Zukunft gerichteten Attraktoren – das ist ein wichtiger Begriff aus der Chaostheorie – zum Handeln. Diese (oft impliziten) Ordnungsbilder leiten uns auch durch chaotische Situationen wie etwa Krisen, in denen wir den Weg nicht sehen. Wenn wir ihnen nahe sind oder zumindest auf dem Weg in ihre Richtung, fühlen wir uns gesund – im weitesten Sinnne des Wortes.

Salutogene Kommunikation hilft, die Abweichungen zwischen dem Ist-Zustand und unseren Bedürfnissen zu spüren und zu gewichten. Sie unterstützt uns darin, Lösungen und Ziele zu entwickeln, Ressourcen zu erkennen, die wir für deren Umsetzung bereits besitzen oder noch erwerben wollen, und die Ergebnisse unseres Handelns zu reflektieren. Wir lernen, mit einschränkenden äußeren Bedingungen besser umzugehen und fördernde Bedingungen, soweit möglich, zu stärken – also den Kontext (mit) zu gestalten, in dem unsere Selbstregulation stattfindet. Auch unsere (angeborene, aber oft verschüttete) Fähigkeit zur Kooperation können wir immer wieder stimulieren.

In diesem ständigen Kreislauf der Selbstregulation ist Stimmigkeit sozusagen unser Kompass. Der Sinn für und das Streben nach Kohärenz ist unsere wichtigste Ressource für eine gesunde Entwicklung – von einzelnen Menschen und Teams ebenso wie von Organisationen, der Gesellschaft, der Menschheit.

Der Begriff Gesundheit wird in diesem Konzept umfassend verstanden. Der Mensch lebt in ständiger Resonanz mit allen Daseinsdimensionen, die jeweils ihre eigene Kohärenz besitzen. Unsere persönliche körperliche und psychische Gesundheit hängt auch von dem Zustand dieser Dimensionen und unserer Beziehung zu ihnen ab: der Familie, unseren Freundschaften, der Arbeitssituation, den gesellschaftlichen Bedingungen, auch dem Zustand der Welt (z.B. ob Kooperation oder Konfrontation dominieren) und der Biosphäre (z.B. Klimawandel). Wenn wir versuchen, solche Bereiche stimmiger zu gestalten – etwa indem wir Probleme in der Familie, am Arbeitsplatz usw. lösen – können wir das als einen Schritt hin zu mehr Gesundheit begreifen.

Die WHO definiert Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“. Sie beschreibt im Verständnis der Salutogenese ein Ideal, dem wir uns im Prozess unserer Selbstregulation immer wieder annähern können. Antonovsky hat dafür das Bild vom Schwimmen im Fluss – dem Lebensstrom – gebraucht, in dem wir diesem Ideal mal näher sind, mal weiter entfernt von ihm. Aber an jedem Punkt können wir uns wieder in Richtung Gesundheit bewegen – ein Leben lang. So verstanden ist auch Heilung ein umfassender Begriff: ein ständiger Prozess, in dem Neues entsteht, in dem sich aus Chaos eine neue Ordnung, eine neue Kohärenz entwickelt.

Gerade Krisen werden oft als Chaos erlebt. Wir verstehen solche Situationen als Kohärenzübergänge, die wir aktiv mitgestalten können. Wir haben die Chance, sie produktiv zu nutzen, um neue, befriedigendere Lösungen finden. Mit Hilfe der salutogenen Kommunikation erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass dies gelingen kann.

 

Selbstregulation im Dialog